Review: „Die geheime Stadt“

Die Folge 23 von „Die schwarze Sonne“ ist da, und voller Spannung erwarte ich das Finale des Sechsteilers. Was werden die Reisenden in der „geheimen Stadt“ finden?

Nahtlos geht es weiter mit den Handlungssträngen aus der letzten Folge, alles wirkt wie aus einem Guss. Wenn man die vorangegangenen Ereignisse noch kennt, ist die neue „Sonne“ sehr zugänglich und flüssig zu hören. Fällt mir das Zuhören diesmal vielleicht so leicht, weil ich schon sehr viel Parabiose mit dieser Hörspielserie betrieben habe? Nein, diesmal ist es anders – die Handlung ist diesmal einfach weniger verrätselt, nicht wie sonst sprunghaft erzählt und damit sehr klar. Wir bleiben ganz fokussiert bei der Reise von Jules Verne mit Nathaniel auf dem Weg nach Machu Picchu, der titelgebenden verbotenen Stadt. Dabei lernen wir einiges über die Inka, die Verheerungen durch die Konquistadoren, über den Amazonas und über das historische Geschehen dort. Zwar wechselt das Hörspiel durchaus das Setting: Wir gehen auch zurück in die Zeit zu Pizarro und Hernando, die Erzählung bleibt aber dennoch thematisch klar bei der Tragödie um die Inkakultur. Nur zwei sehr interessante Sequenzen um Heisenbergs Forschung und ein Track um die Parabiosebraut Elisabeth entfernen sich vom zentralen Geschehen.

Das fokussierte Erzählen tut dem Hörfluss sehr gut, die Folge wird dadurch sehr rund und die knappe Stunde vergeht dabei wie im Flug. Die Vertonung, ganz besonders die Musik und Soundkulisse in Südamerika, sind wieder dicht und klasse arrangiert. Besonders Harald Halgart zu hören macht mich etwas sentimental, da es ja die letzten Aufnahmen vor seinem Tod waren: Er klingt deutlich gebrechlicher als früher. Thorsten-Kai Botenbender, der Jules Verne spricht, kristallisiert sich als Neubesetzung der Rolle immer mehr ein Glücksgriff heraus, er füllt seine Szenen mit Kraft, die Nathaniel mittlerweile fehlt.

Als Hörerlebnis ist die Folge wieder ein Genuss und eine ganz klare Empfehlung: Die Folge reiht sich in den Fluss der Erzählung wunderbar ein …

… nur ein Finale-Feeling will sich leider nicht einstellen, obwohl ich auf den Abschluss des Sechsteilers hingefiebert habe. Daher gibt es diesmal auch für mich etwas Schatten im Licht der Sonne.  

Der Schatten:

Leider muss ich diesmal etwas maulen. Auf der einen Seite gefällt mir das Setting in Südamerika außerordentlich gut, auch das Konzept der Reiseabenteuer mit Jules Verne ist ganz mein Ding. Mich hat das diesmal aber leider erstmal nicht gekriegt: Was mich aber dauernd rausbringt, sind die „Wissenssequenzen“, die wie aus dem Reiseführer vorgelesen an allen interessanten Orten von Nathaniel und dem Entdecker Augusto Berns gehalten werden. Auf der Reise – gerne. Aber im Finale? Deren Dialoge sind wie abwechselnd vorgelesene „Infotafeln“ auf einem Rundgang durch die Ruinen.  Da hat sich ein sehr dominanter Edutainment-Faktor an Momenten eingeschlichen, an denen eigentlich eine andere Stimmung nötig wäre. Versteht mich nicht falsch, all diese historischen Informationen sind interessant und faszinierend, sie nehmen aber jede Emotion aus dem Moment. In Vernes Reiseberichten funktioniert das sehr gut, nicht aber in atmosphärischen direkten Szenen. Besonders als die verschollene Stadt entdeckt wird, werden viele historische Fakten darüber abwechselnd erzählt, anstatt auf die Umgebung zu reagieren. Ich frage mich dann: Woher wissen die das alles? Haben die keine Angst, dass da was hinter den moosbewachsenen Steinblöcken lauert? Gerade Augusto Berns entdeckt doch gerade diesen sagenumwobenen Ort erst! Wieso hat er solche Sachkenntnisse aus der heutigen Zeit? Und warum flippt er nicht total aus, weil er die Ruinenstadt gerade entdeckt? Ein bisschen fühlt sich der Moment in der alten Stadt an wie mit zwei gute gelaunten Tourguides, die sich abwechselnd mit ihrem Wissen übertrumpfen wollen. Das geheime der geheimen Stadt und das Geheimnisvolle vermisse ich hier sehr.

Das Licht:

Das ändert sich, als der schwarze See und der Mechanismus entdeckt werden. Ab hier nimmt die Handlung Fahrt auf, und Günter Merlau präsentiert uns das, worauf ich schon sehr lange warte: Der Abstieg zum „Mittelpunkt der Erde“ beginnt, und wir bekommen es diesmal nicht nur erzählt, sondern sind diesmal richtig dabei, und das ist klasse. Das ist der Höhepunkt der Folge, endlich sind wir mit den Hauptfiguren bei der Entdeckung von etwas Unbekanntem dabei, endlich kommt Ungewissheit auf, endlich funkelt die Karotte des Mysteriums wieder verheißungsvoll an der Angel vor unserer Nase: Gleich entdecken wir was, gleich kommt’s… Wie Jules Verne liegen wir am Ende des tiefen Schachts und sehen uns einen weit entfernt funkelnden Stern an.  

Richtig gut gefällt mir der Part um Heisenberg und Brody: Alles, was wir in „Epsilon – Die Heisenbergprotokolle“ hören konnten (Tipp!), sei jetzt also nur die historisch „offizielle“ Version. Das ist clever erzählt und das, was „tatsächlich“ passiert, fügt sich wunderbar in den Sonne-Kosmos ein. Eine feine Vernetzung!

Auch der kleine Twist um Jules Vernes Briefe ist charmant und gibt seinen Texten an Honorine einen melancholischen Dreh. Ich mag Verne immer mehr und finde, dass er Nathaniel mittlerweile sogar die Show stiehlt – er ist die menschliche Identifikationsfigur für den mitreisenden Hörer.

Auch Hernandos Monolog über die Goldgier der Europäer klingt wunderbar und ist in poetischen Worten formuliert, das gefällt mir sehr. Aber war das tatsächlich der letzte Track mit den alten Spaniern? Die Konquistadorenhandlung gibt uns einen lebendigen Einblick in die historischen Geschehnisse, führt aber nicht zu irgendeiner Enthüllung was Pizarro/Caswell angeht oder welcher Zusammenhang zur Haupthandlung in der Inkastadt besteht. Irgendwas muss doch damit sein, es ist ja parallel erzählt… Oder?

War das also das Finale des Sechsteilers? Das kann doch nicht sein? Mir schleicht sich der Verdacht ein, dass aus dem angekündigten Sechsteiler heimlich ein Neunteiler wurde. Die nächsten drei Folgen sind ja schon angekündigt: Ihre Titel prophezeien das Ende der hier eröffneten Handlungsstränge, da die entsprechenden Stichworte bereits gefallen sind (Folge 25 – Agartha, Folge 26 – Die erste Ursache). Ich bin mir sicher, dass die Geschichten dann zu einem Höhepunkt finden. So wie ich Günter Merlau kenne, hat er ein großes Konzept und ein Ziel vor Augen.

Meine Beobachtung: Immer, wenn Günter Merlau seine eigenen Worte einsetzt, ist die Sonne klasse, dann sind die Dialoge und Monologe lebendig, dann ist es stimmungsvoll und authentisch. Wenn der innere „Charlie Parker“ übernimmt, wird es wunderbar. Sobald aber rein informierendes Lexikonwissen in die Geschichte eindringt, klingen die Figuren nicht mehr nach ihnen selbst, das Wunderbare verschwindet und der Rhythmus bricht – zumindest für mich.

Mein Fazit: Wieder eine feine Folge, die sich in die Serie nahtlos einreiht: Ein Genuss, wie immer eine Freude, eine gute „normale“ Folge – aber kein Finale. So viele Handlungsstränge sind in „Startposition“ für ihren payoff, die Spannung ist da. Jetzt sind wir bereit für die drei Abschlussfolgen der zweiten Staffel – es wird Zeit für einen Höhepunkt.

Wir sind auf dem Weg zum „Mittelpunkt“ der Sonne: Ich kann es kaum erwarten und blicke hoffnungsvoll mit Verne durch den tiefen Schacht nach oben auf den funkelnden Stern.

Torsten Weis, 2.8.2021

3 Kommentare

  1. Schöne Review. Stimme dir zu. Ich fand die Folge auch toll, aber es ist sicher keine Highlight-Folge wie (mMn) die 5 oder die 14. Die Wissenspassagen am Anfang sind einfach ein bisschen zu lang bzw. – wie du sagtest – im Stil einer Museumstafel und nicht einer Unterhaltung. Ich bin trotzdem weiterhin gespannt wie ein Flitzebogen auf das Staffelfinale.
    Wenn du diese Review schreibst, heißt das, es gibt diesmal keinen Podcast? Hatte es ja schon fast vermutet, da diese Folge so wenig kryptisch ist. Über die Bedeutung von Elisabeths Traum lässt sich vielleicht reden. War es eher eine Erinnerung, die uns zeigen soll, was vor ihrem Termin bei Salacca passiert ist, oder generell die Info, dass Helmut so langsam nicht mehr alle beisammen hat? Hier wird er wohl zum 21er und geht bei Jonathan in Quanten-Behandlung?! Hat ja der geheimnisvolle Anrufer (“Caswell”) bei Jonathan vor ein paar Folgen schonmal angedeutet. Was hat der da nochmal genau gesagt?

    Gefällt 1 Person

  2. Schöne Rezension!
    Ich bin schon sehr auf euren Podcast gespannt.

    Meine „Kritik“ hatte ich ja schon an anderer Stelle erwähnt.
    Was ich aber noch sazu sagen möchte:

    Als Abenteuerhörspiel finde ich diese Folge spitzenklasse. Dieses fachlich Zitieren habe ich zwar auch als etwas sonderlich erlebt, aber die Abenteuerstimmung kommt meiner Meinung nach schon sehr gut rüber. Auch wenn man hier und da noch ein paar mehr Geräusche verwenden könnte (bspw., wenn Augusto die zusammengeschnürten Seile in die Öffnung wirft. Den Aufprall hätte ich zu gerne gehört 😉

    Ich habe die Folge nun bestimmt ca. 4x gehört. Und trotz der recht geradlinigen Erzählstruktur wird sie nicht langweilig, sondern begeistert immer wieder.

    Nur der „Unheimlichkeits- und Mysteriösfaktor“ ist hier nicht so sehr vorhanden. Aber das muss ja auch nicht immer sein. Es ist eben eine Serie mit sehr sehr vielen Facetten. Wer weiß, was wir in der nächsten Folge zu Hören bekommen werden.

    Es bleibt spannend!

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